Alters- und Pflegeheime,  Erlebtes

Zwei Jahre hat Thomas R. seine betagte Mutter nicht mehr im Heim besucht – aus Angst vor den Behörden

Seit zwei Jahren befindet sich Thomas R. im Streit mit den Behörden. Im Zentrum steht seine 91-jährige Mutter. Er ist ihr Vorsorgebeauftragter, seit die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) sie 2017 für urteilsunfähig erklärt hat.

2022 wird die gleiche Behörde das Gegenteil tun: Sie wird die hochbetagte Frau plötzlich wieder für teilweise urteilsfähig erklären. Dazwischen liegt ein Konflikt zwischen Thomas R. und dem städtischen Pflegeheim, in dem seine Mutter lebt. Er ist überzeugt, seine Mutter wird im Heim vernachlässigt. Die Heimleitung sieht in ihm einen Querulanten und schaltet die Kesb ein.

Im Zentrum dieses Falls stehen Fragen, die in einer alternden Gesellschaft wie der Schweiz zunehmend an Bedeutung gewinnen. Wer soll über meine Angelegenheiten bestimmen, wenn ich es selbst nicht mehr kann? Und wie weit soll dieses Bestimmungsrecht gehen?

Die Geschichte von Thomas R. zeigt, was alles schiefgehen kann.

Die NZZ hat für diesen Artikel Einsicht in Protokolle, Berichte und Gerichtsbeschlüsse genommen. Zudem wurden Gespräche mit den Involvierten geführt. Einzig auf ein Gespräch mit der Mutter von Thomas R. wurde verzichtet. Dies, weil sie offiziell immer noch als urteilsunfähig gilt und der Sohn als Vorsorgebeauftragter nicht wollte, dass die gesundheitlich angeschlagene Seniorin unnötig belastet wird.

Die Annäherung

Vor 59 Jahren wird Thomas R. als Baby zur Adoption freigegeben. Im Kinderheim wird ein Ehepaar auf ihn aufmerksam, das selbst keine Kinder bekommen kann. Die Eheleute werden seine neuen Eltern. Jahre später erzählen sie ihm, dass sie ihn adoptiert hätten, weil er so herzige blonde Löckchen gehabt habe.

Die Adoption hätte der Weg ins Glück werden sollen. Doch Thomas R. erinnert sich an eine schwierige Kindheit zurück.

Seine Mutter sei oft überfordert gewesen mit ihm. Manchmal habe sie ihm gedroht, ihn wegzugeben. Thomas R. leidet lange unter den Erlebnissen seiner Kindheit und arbeitet diese als junger Erwachsener auf. Er erinnert sich auch […]

Seine Mutter sei oft überfordert gewesen mit ihm. Manchmal habe sie ihm gedroht, ihn wegzugeben. Thomas R. leidet lange unter den Erlebnissen seiner Kindheit und arbeitet diese als junger Erwachsener auf. Er erinnert sich auch wieder an die schönen und liebevollen Momente in der Familie, an die Kreativität seiner Mutter, an die Geborgenheit bei gemeinsamen Weihnachtsfeiern mit der Grossfamilie.

Als Dreissigjähriger versucht er, das belastete Verhältnis zu kitten. Alle zwei Wochen besucht er seine Mutter. Nach und nach nähern sich Mutter und Sohn wieder an.

Geschwister hat Thomas R. keine. Und so ist er es, der sich um seine Eltern kümmert, als sie älter werden. Seine Eltern setzen ihn als Vorsorgebeauftragten ein für den Fall, dass sie einmal nicht mehr in der Lage sein werden, ihre finanziellen und gesundheitlichen Fragen selbst zu regeln.

Bei seinem Vater ist das nicht nötig. Bis zum Tod im Jahr 2016 bleibt er geistig fit. Auf dem Sterbebett nimmt der Vater Thomas R. ein letztes Mal das Versprechen ab, sich bis zu ihrem Lebensende um Betreuung und Pflege seiner Mutter zu kümmern.

Im Jahr darauf wird sie von der Kesb vollumfänglich für urteilsunfähig erklärt. Thomas R. wird im gleichen Jahr zu ihrem Vorsorgebeauftragten ernannt. Er nimmt diesen Auftrag sehr ernst.

Doch es ist ausgerechnet dieses Versprechen, das ihn seiner Mutter entfremden wird.

Die Eskalation

Das Alterszentrum Adlergarten ist ein grauer Betonblock, sieben Stockwerke hoch, der Mitte der 1960er Jahre am Rand der Winterthurer Altstadt erbaut wurde. Das Heim, das der Stadt Winterthur gehört, liegt neben einem Park.

Thomas R.s Mutter zieht nach dem Tod ihres Ehemannes dort ein. Die Heimleitung verspricht ihm eine auf die Bedürfnisse seiner Mutter abgestimmte Betreuung, Pflege und Therapie.

Urteilsunfähigkeit im Alter – es ist ein Phänomen, mit dem sich die Schweizer Bevölkerung vermehrt auseinandersetzen muss. Denn: Die Menschen werden immer älter. Berechnungen des Bundes zeigen, dass im Jahr 2050 der Anteil der Personen im Alter von 80 Jahren und mehr 10,7 Prozent betragen wird. 2020 war der Anteil noch halb so hoch.

Damit wird die Zahl der Pflegebedürftigen zunehmen. Und manchmal bedeutet Pflegebedürftigkeit auch, die eigene Urteilsfähigkeit zu verlieren – wegen Demenz oder anderer kognitiver Erkrankungen.

Und plötzlich stellt sich die Frage, wer Haus und Vermögen verwaltet oder dafür sorgt, dass jemand in ein Pflegeheim eintreten kann. Der Vorsorgeauftrag gilt seit einigen Jahren als probates Mittel für solche Situationen. Die zuvor bestimmte Vertrauensperson kümmert sich dann um rechtliche und geschäftliche Angelegenheiten.

Doch das führt auch zu Konflikten. Wie im Fall von Thomas R. und seiner Mutter.

Den Umzug bewältigt die hochbetagte Frau gut. Doch bald gibt es Probleme: Die Leitung des Alterszentrums und Thomas R. geraten heftig aneinander.

Er kritisiert, das Heim mache viel weniger als versprochen. Die Körper- und Zahnhygiene etwa werde bei seiner Mutter vernachlässigt. Manchmal habe sie im Zimmer ihre schmutzige Kleidung irgendwo im Schrank bei den sauberen Kleidern versteckt, um diese später wieder anzuziehen. Irgendwann habe er angefangen, ihr die Kleider selbst zu waschen. Zudem fehle es ihr an der nötigen Bewegungstherapie, und dies alles bei hohen Kosten, die mehrfach unbegründet gesteigert worden seien.

Thomas R. und die Heimleitung treffen sich in den folgenden vier Jahren mehrmals zu Gesprächen – gelöst werden die Probleme dabei nie. Der Sohn fordert konkrete Verbesserungen ein. Vom Heim wird ihm dagegen beschieden, dass man das Beste versuche. Seine Mutter verweigere sich aber. Und: Ihre Wünsche stünden im Vordergrund.

Wer recht hat, ist schwierig zu beantworten, wenn Aussage gegen Aussage steht. Doch es gibt einen Beleg dafür, dass die Betreuung von Thomas R.s Mutter mangelhaft war: So stellte die private Zahnärztin der Mutter fest, dass sich deren Zahnhygiene verschlechtert habe. Während vorher noch alles in Ordnung gewesen sei, hätten sich ab 2019 die Zahnschäden gehäuft. «Seither mussten bereits sieben Zahnrestaurationen durchgeführt werden, alle primär infolge von Karies», schreibt die Zahnärztin in einem Bericht vom Februar 2022.

«Natürlich ist meine Mutter manchmal eine Schwierige», sagt Thomas R. Aber es sei doch Aufgabe des Heims, mit solchen Schwierigkeiten umzugehen. «Wenn ich sie selbst zur Physiotherapie begleitet habe, hat es jedenfalls immer geklappt.» Die Therapeuten hätten von grossen Fortschritten gesprochen. «Und mit einzelnen Pflegekräften des Adlergartens ging es auch.» Doch hätten Personal und Gruppenleitung teilweise mehrmals jährlich gewechselt.

Vollends eskalieren lassen den Streit schliesslich finanzielle Fragen. Die Pflegebedürftigkeit von Thomas R.s Mutter wird vom Heim plötzlich deutlich höher eingeschätzt. Sie soll täglich bis zu 40 Minuten mehr Pflege benötigen, was monatlich weit über 1000 Franken mehr kosten würde.

Finanziell könnte Thomas R. das zwar egal sein, denn die Mehrkosten gehen zulasten von Krankenkasse und der öffentlichen Hand. Doch er vermutet hinter dem Vorgehen des Heims finanzielle Absichten und interveniert. Daraufhin wird die Pflegestufe plötzlich wieder herabgesetzt, was aus seiner Sicht erst recht zeigt, wie willkürlich die Erhöhung zuvor war.

Die Heimleitung weist diesen Vorwurf entschieden zurück. Sie nimmt zum konkreten Fall zwar nicht Stellung, sagt auf Anfrage der NZZ aber, dass Stufenerhöhungen sorgfältig geprüft und auch von den Krankenkassen kontrolliert würden. Zudem habe das Alterszentrum Adlergarten von einer externen Prüfstelle ein Zertifikat erhalten, dass die Einstufungen korrekt durchgeführt worden seien.

Thomas R. sieht nur noch einen Ausweg: den Vertrag kündigen und seine Mutter in ein anderes Heim verlegen. Der damals verantwortliche Mitarbeiter der Kesb sagt zu Thomas R., er könne einen Heimwechsel jederzeit durchführen.

Die Entfremdung

Am 10. Januar 2022 steht Thomas R. mit einem Umzugsunternehmen vor dem Alterszentrum Adlergarten.

Alles wäre für den Umzug bereit. Thomas R. hat für seine Mutter ein Zimmer in einem privaten Heim in der Region organisiert. Aber sie sagt plötzlich, sie wolle nicht ins neue Heim. Thomas R. ist verblüfft. Er sagt, er habe seine Mutter während fünf Wochen in mehreren Gesprächen auf den Umzug vorbereitet. Und sie habe auch eingewilligt.

Also sagt er ihr an jenem Morgen: «Mami, jetzt machen wir keinen Rückzieher mehr.» Doch die alte Frau weigert sich. Zwingen will der Sohn sie nicht, er bläst alles ab. Mit der Heimleitung findet ein Krisengespräch statt. Die Mutter soll zumindest vorläufig im Adlergarten bleiben, Thomas R. will aber, dass man für die Pflege eine bessere Lösung findet.

Drei Tage nach dem abgebrochenen Umzug schreibt der Heimleiter einen eingeschriebenen Brief an die Kesb Winterthur-Andelfingen.

Der Heimleiter erhebt darin schwere Vorwürfe gegen Thomas R.: Dieser nehme sein Mandat als Vorsorgebeauftragter nicht mehr zum Wohl seiner Mutter war. Er verhalte sich unkooperativ, beschwere sich ständig und völlig unbegründet über das Heim. Seine Mutter habe er zudem erst am 8. Januar über den bevorstehenden Umzug informiert, also nur zwei Tage vor dem Umzugstermin. Überhaupt sei die betagte Frau selbst in der Lage zu entscheiden, wo sie leben wolle.

Am Ende dieser vierseitigen Anklage formuliert der Heimleiter eine brisante Forderung: Die Kesb solle Thomas R. von seinem Mandat entbinden und einen Beistand einsetzen.

Kurz darauf kommt ein weiteres Schreiben des Alterszentrums bei der Kesb an. Zwei Ärzte des Adlergartens bescheinigen der Seniorin plötzlich, wieder urteilsfähig zu sein. Zudem verweigert der Adlergarten Thomas R. den Zugang zu den Akten seiner Mutter. Einige Monate später verschickt das Alterszentrum eine weitere Gefährdungsmeldung an die Kesb.

Die Verzweiflung

Die Kesb greift in das Geschehen ein. Die Mitarbeiter der Erwachsenenschutzbehörde besuchen die alte Frau mehrfach im Adlergarten. Auf einen Miteinbezug von Thomas R. verzichtet die Kesb. Es kommt bloss zu einem einzigen Gespräch.

Auch die Kesb-Mitarbeiter halten R.s Mutter für urteilsfähig. Bei einem Treffen mit der Seniorin hält ein Mitarbeiter der Behörde fest, die Mutter habe den Heimleiter als Schutzengel bezeichnet, weil sie weiterhin im Alterszentrum wohnen dürfe. Ein Umzug wäre für sie eine Katastrophe, notiert der Kesb-Mitarbeiter.

Da sind sich Thomas R. und seine Anwälte sicher: Die Heimleitung beeinflusst seine Mutter, um von den eigenen Fehlern abzulenken.

Im September 2022 beschliesst die Kesb, dass seine Mutter sehr wohl in der Lage sei, beim Wohnen und in Gesundheitsfragen einen eigenen Willen zu bilden. Sie setzt den im Jahr 2017 validierten Vorsorgeauftrag ausser Kraft.

Bei der Beurteilung dieser heiklen Frage stützt sich die Kesb just auf die Berichte der Ärzte aus dem Heim, mit dem Thomas R. in Konflikt steht.

Für Thomas R. ist es ein unhaltbarer Zustand. Und er fragt sich: Wie soll seine hochbetagte Mutter plötzlich wieder urteilsfähig geworden sein? Warum wird er, der nur das Beste für seine Mutter wollte, derart an den Rand gedrängt? Und weshalb können sich die Behörden einfach so über den Vorsorgeauftrag hinwegsetzen?

Er traut sich nicht mehr, seine Mutter im Heim zu besuchen, aus Angst, dass neue Anschuldigungen gegen ihn erhoben werden könnten. Und zugleich spürt er, wie ihm damit die Beziehung zu ihr entgleitet.

Thomas R. ist verzweifelt. Er hat das Gefühl, die Winterthurer Behörden würden sich gegenseitig decken. Und er nimmt sich nun zum Ziel, diese auf dem Rechtsweg in die Knie zu zwingen. Es scheint ihm der einzig mögliche Weg.

Zum Fall selbst können sich weder Kesb noch Alterszentrum äussern. Die Kesb hält lediglich fest, dass im Moment keine Massnahme gemäss Erwachsenenschutz zur Unterstützung von Thomas R. oder dessen Mutter bestehe.

Allgemein sagt Karin Fischer, Präsidentin der Kesb Winterthur-Andelfingen, dass die Frage der Urteilsfähigkeit schwierig sei. Die Urteilsfähigkeit beziehe sich stets auf eine bestimmte Situation. So könne eine Person beispielsweise nicht mehr beurteilen, welche Rechnungen bezahlt werden müssten, und sei gleichzeitig noch urteilsfähig hinsichtlich der Frage, was sie essen möchte. Vollständig urteilsunfähig sei eine Person erst, wenn sie im Koma liege oder an einer weit fortgeschrittenen Demenz leide.

Es könne deshalb durchaus zu Diskussionen mit den Vorsorgebeauftragten kommen. «Wenn jemand rauchen will, dann ist das vielleicht schon unvernünftig. Aber will man das der Person wirklich verbieten?»

Der Heimleiter des Zentrums Adlergarten sagt, dass für ihn der Wille und das Wohl der Bewohnerinnen und Bewohner an oberster Stelle stünden. Selbstverständlich motiviere man die Leute. Aber wenn jemand ausnahmsweise einmal die Zähne nicht putzen wolle, dann respektiere man das. Gerade wenn Bewohnende sich gegen pflegerische Tätigkeiten wehrten, stünden die Pflegenden in einem ethischen Dilemma zwischen Autonomieprinzip und Fürsorgeprinzip, das individuell betrachtet werden müsse.

Zum Vorwurf der vernachlässigten Betreuung halten Alterszentrum und die Stadt Winterthur fest, dass dieser keineswegs zutreffe. «Pflege und Hygiene haben eine hohe Qualität, was auch regelmässig von externen Stellen kontrolliert wird.» Es gebe ein umfassendes Aktivierungsangebot, das allen Bewohnenden zur Verfügung stehe. «Im Zentrum stehen das Wohlbefinden, die Autonomie und der Wille der Bewohnenden.»

Stellung nehmen die Verantwortlichen auch zu den kritisierten ständigen Wechseln in der Betreuung. Dies sei in der Branche heute Realität. «Grundsätzlich ermöglicht unser Bezugspersonenpflegesystem eine hohe Kontinuität.» Zur fehlenden Akteneinsicht heisst es, der Adlergarten gewähre jeder befugten Person jederzeit Einsicht.

Die Gerichte

Im Dezember 2022 erringt Thomas R. einen ersten Sieg. Der Winterthurer Bezirksrat schreibt in seinem Urteil: Es brauche zwingend einen unabhängigen Gutachter, um die Urteilsfähigkeit der alten Frau zu prüfen. Der Vorsorgeauftrag könne nicht einfach aufgehoben werden. Dass sich die Kesb bei ihrer Einschätzung der Urteilsfähigkeit auf zwei Berichte von Ärzten des Adlergartens stütze, sei «eher unglücklich». Ein Anschein von Befangenheit könne nicht von der Hand gewiesen werden.

Aus Sicht des Bezirksrates ist es unklar, ob Thomas R.s Mutter in medizinischen Fragen urteilsfähig ist. So kämen ja auch die Ärzte des Heims in ihrem Bericht zu dem Schluss, dass die betagte Frau eine fehlende Krankheitseinsicht habe. Dies zeige sich am Umgang mit ihren Zähnen. Sie habe gegenüber der Kesb bestritten, ein Problem mit der Zahnhygiene zu haben.

Und noch etwas hält der Bezirksrat fest: Die Angelegenheit sei dringend anzugehen. Es könne eine Fehlbehandlung beziehungsweise mangelnde medizinische Versorgung drohen. Es sei im Interesse aller Beteiligten, in der Frage rasch Klarheit zu schaffen.

Zudem macht die gleiche Behörde im Herbst dieses Jahres klar, dass der 2017 ausgearbeitete Vorsorgeauftrag weiterhin seine Gültigkeit hat – und Thomas R.s Mutter bis zum Vorliegen des Gutachtens generell als urteilsunfähig zu gelten hat, insbesondere auch in medizinischen Fragen.

Obwohl der Bezirksrat zur Eile mahnt, vergeht fast ein Jahr, bis das Gutachten schliesslich vorliegt. Denn die Kesb schlägt zunächst mehrere Mediziner vor, die entweder früher mit den Winterthurer Ärzten des Alterszentrums verbandelt waren, keine Fachkenntnisse in den geforderten Bereichen haben oder noch nie in einem Gutachten die Frage der Urteilsfähigkeit prüften.

Die Anwälte von Thomas R. schreiben einmal an die Mitarbeiter der Kesb, das Vorgehen grenze an Obstruktion.

Und als schliesslich ein Gutachter bestimmt ist, lässt man ihn zunächst nicht zu der betagten Frau. Ein Mitarbeiter des Adlergartens sagt ihm am Telefon, man wisse nichts von einer Begutachtung, schreibt der Gutachter in einer Mail. Zudem habe Thomas R. die Herausgabe von Informationen untersagt. Eine Aussage, die nicht stimmt.

Anfang November verschickt der Gutachter schliesslich doch noch seine Beurteilung. Er kommt zu dem Schluss, dass die 91-jährige Frau in der Frage ihrer Unterbringung wieder urteilsfähig sei. Es gebe zwar Anzeichen für eine beginnende Demenz. Aber Anhaltspunkte dafür, dass die alte Frau nicht mehr in der Lage sei, ihre Wohnsituation und ihre gesundheitliche Lage richtig einzuschätzen, findet der Arzt nicht.

Der Gutachter zitiert die Seniorin mit den Worten, sie wolle weiterhin im Adlergarten leben, sie fühle sich wohl dort. Und: Sie beabsichtige auch, dort zu sterben.

Aber er erwähnt auch, dass sie sich wünsche, in finanziellen Belangen weiterhin von ihrem Sohn unterstützt zu werden. Sie wolle ihre Ruhe und keinen Streit mit ihm. Offenbar glaubt sie, er habe ein Hausverbot im Adlergarten. Deshalb komme er nicht mehr auf Besuch.

Für Thomas R. ist es ein tendenziöses Gutachten, die Beurteilung nicht nachvollziehbar. Der Gutachter habe ein einziges Gespräch mit seiner Mutter geführt. Auf welche Dokumente er sich stütze, sei unklar. Dies, weil die Kesb ihm eine vollständige Übersicht über die Unterlagen, welche sie dem Gutachter zur Verfügung gestellt habe, verweigert habe. Vor allem aber gehe aus der Beurteilung hervor, dass seine Mutter in vielen Dingen Mühe habe mit der Erinnerung. Sie habe nicht einmal ihr Geburtsjahr richtig nennen können – und Angaben gemacht, die weder zeitlich noch inhaltlich gestimmt hätten.

Thomas R. will deshalb seinen Kampf fortsetzen. Er will zudem für andere Betroffene eine Anlaufstelle aufbauen, an die sie sich wenden können. R. sagt: «Ich habe kein Vertrauen mehr in die Kesb, ich habe kein Vertrauen mehr in die Winterthurer Altersheime, ich habe kein Vertrauen mehr in die städtischen Behörden.» Seine Mutter müsse weg aus dem Heim, lieber pflege er sie wieder daheim. «Diese ganze Katastrophe muss ein Ende haben.»

Am Ende kommt es doch noch zu einer überraschenden Wende seitens der Stadt Winterthur. In einem Telefonat teilt die Heimleitung den Anwälten von Thomas R. mit, dass man einem Umzug seiner Mutter nun doch zustimme. Dies, weil das Vertrauensverhältnis beidseits so gestört sei, dass ein Neuaufbau sehr schwierig werde. Thomas R. solle deshalb einen neuen Platz für die betagte Frau suchen.

Vielleicht also finden Thomas R. und seine Mutter am Ende dieser Geschichte wieder zusammen. Und der Sohn kann sich doch noch bis zu ihrem Lebensende um Betreuung und Pflege seiner Mutter kümmern.

Leave a Reply

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert