Alters- und Pflegeheime

Immer mehr Plätze bleiben leer

Auf die Alters- und Pflegeheime in Ausserrhoden könnten erhebliche Mehrkosten zukommen.

Hohe Todeszahlen, regelmässige Coronaausbrüche und eingesperrte Bewohnerinnen und Bewohner: In der öffentlichen Wahrnehmung über die Situation während der Pandemie in den Alters- und Pflegeheimen setzen sich solche einseitigen Bilder fest. Nun zeigt sich, welche Folgen die Coronakrise für die Heime in Appenzell Ausserrhoden hat. Viele von ihnen kämpfen zurzeit mit Auslastungsproblemen. Oder anders ausgedrückt: Mehr Betten als gewöhnlich sind ungenutzt. Dies verdeutlicht ein Blick auf die aktuelle kantonale Liste der freien Pflegeheimplätze. Demnach liegt die Auslastung aktuell bei 83 Prozent. 2019 betrug dieser Wert fast 90 Prozent.

Tief ist die Auslastung beispielsweise im Wohn- und Pflegeheim Boden in Trogen. Zurzeit sind nur gerade 16 der 25 Betten belegt. Zum Vergleich: Normalerweise wird mit einer durchschnittlichen Auslastung von über 90 Prozent pro Jahr beziehungsweise 23 Betten budgetiert. «Um das Jahresende haben wir alters- und coronabedingt einige Pensionäre verloren», sagt Natalia Bezzola Rausch. Als Speicherer Gemeinderätin gehört sie der Betriebskommission Altersheim Boden an. Es habe auch Bewohnerinnen und Bewohner gegeben, welche sich nicht mehr in einem Spital behandeln lassen wollten, sagt Bezzola Rausch.

Viele hätten Angst, an Corona zu erkranken

Hingegen verzeichnete das hoch oben über Trogen gelegene Heim in letzter Zeit keine Neueintritte. Im Herbst gab es einige Anfragen, dann kam jedoch der zweite Lockdown. Nun haben sich immerhin drei Interessenten für Probeferien angemeldet. Ein vorübergehender Einbruch der Nachfrage an Pflegeplätzen hat es im «Boden» immer wieder gegeben. In gewöhnlichen Zeiten war so eine Baisse relativ schnell vorüber. Nun getraut sich offenbar kaum jemand in ein Heim zu ziehen. Viele hätten Angst, dort zu erkranken oder isoliert zu sein, bedauert Bezzola Rausch.

Solche Bedenken seien unbegründet. Im «Boden» herrsche eine entspannte Atmosphäre. «Abgesehen davon sind, wie in allen Altersheimen, unsere Bewohnerinnen und Bewohner geimpft.» Den Zeitpunkt für den Übertritt in ein Altersheim hält die Speicherer Gemeinderätin für ideal. Sie ist überzeugt, dass das Bedürfnis bei älteren Menschen vorhanden wäre. Als Behördenmitglied und Mitarbeiterin der Kirche bekomme sie mit, wie viele Seniorinnen und Senioren isoliert leben und vereinsamen.

Heimleiter kritisiert einseitige Berichterstattung

Unterdessen zeigt sich immer mehr, welche Mehrkosten wegen der Coronakrise auf die Alters- und Pflegeheime zukommen. Im Fall des «Boden» beziffert Bezzola Rausch diese auf rund 150000 Franken. Unter anderem mussten Aushilfen angestellt werden, weil einige Mitarbeitende in Quarantäne waren. Einen zusätzlichen Aufwand gab es wegen der Einrichtung coronakonformer Besucherräume und der Anschaffung des Hygienematerials.

Die grosse Zurückhaltung der älteren Menschen spürt auch das Alters- und Pflegeheim Krone in Rehetobel. Dort sind im Augenblick sechs der 50 Plätze frei. Dies ergibt eine Auslastung von unter 90 Prozent. Normal budgetiert Heimleiter Andreas Zuberbühler eine Belegung von rund 95 Prozent. Für den Rückgang macht er unter anderem die mediale Berichterstattung verantwortlich, welche die Heime zuletzt vor allem mit Coronatodesfällen in Zusammenhang brachte. Für Zuberbühler ist dies ein Zerrbild. «Letztlich haben wir mit grossem Aufwand versucht, einen Beitrag zur Bewältigung der Coronakrise zu leisten.» Damit hätten sie auch die Spitäler entlastet.

Die tiefe Auslastung wird sich in der Jahresrechnung des Altersheims Krone niederschlagen. Für die Mitarbeitenden der Pflegeabteilung hat der Heimleiter deshalb vorsorglich Kurzarbeit angemeldet. Ob die Unterstützung zum Tragen kommt, ist offen. Trotz aller Schwierigkeiten: Zumindest bis Herbst möchte Zuberbühler auf Personalanpassungen verzichten. Wohl auch in der Hoffnung, dass sich die Situation bis dahin verbessert. Seiner Ansicht nach ist der Zeitpunkt für einen Heimeintritt ideal. Einerseits, weil die Bewohnerinnen und Bewohner bereits geimpft sind. Anderseits sei das soziale Leben in einem Altersheim besser als zu Hause. «In Ausserrhoden waren selbst während des ersten Lockdowns Besuche eingeschränkt möglich.»

Andreas Zuberbühler hat das Thema auch an der letzten Sitzung des Kantonsparlaments in Waldstatt aufs Tapet gebracht. Als es um die Finanzierung der Ertragsausfälle der privaten Listenspitäler ging, wies der PU-Kantonsrat auf die schwierige Lage der Heime hin. Konkrete Forderungen, etwa nach finanzieller Unterstützung, stellt Zuberbühler zwar nicht. Zumindest aber eine Diskussion darüber müsse geführt werden.

Curaviva Appenzellerland stellt Forderungen

Wer für die entstandenen Mehrkosten aufkommen wird, ist unklar. Letztlich dürften sie bei den Trägergemeinden hängen bleiben. Das sei unfair, findet Bezzola Rausch. Die Spitäler beispielsweise würden durch den Kanton unterstützt. Dieser spielt den Ball jedoch zurück. «Die Finanzierung von ungedeckten Pflegekosten in den Alters- und Pflegeheimen fällt in die Zuständigkeit der Gemeinden», sagt Yvonne Blättler-Göldi, Leiterin Abteilung Pflegeheime und Spitex. Allenfalls seien Anpassungen der Tarifstrukturen notwendig, um künftig die anfallenden Kosten refinanzieren zu können.

Der Branchenverband Curaviva Appenzellerland, der die Interessen der Heime gegenüber den Behörden vertritt, sieht dies anders und ist politisch aktiv geworden. Dessen Präsident Jakob Egli sagt: «Da teilweise ein gravierender Mehraufwand sowie Mindereinnahmen entstanden sind, haben wir einen Antrag zur Übernahme dieser Kosten an den Regierungsrat gestellt.» Die Situation sei jedoch nicht vergleichbar mit jener der Spitäler. Die Pflegeheime hätten eine tiefere Auslastung, sagt Egli. «Die Spitäler mussten hingegen Betten freihalten.»

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