Nachdem das Besuchsverbot im Frühling gelockert wurde, wurden in Pflegeheimen Besuchszonen eingerichtet.
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Lockdown in Heimen und Spitälern: Kanton Aargau will kein Besuchsverbot mehr

Nachdem das Besuchsverbot im Frühling gelockert wurde, wurden in Pflegeheimen Besuchszonen eingerichtet.

Im Frühling, auf dem Höhepunkt der Coronapandemie, verbot die Aargauer Regierung Besuche in Pflegeheimen und Spitälern. Sechs Wochen lang hatten Angehörigen nur in Ausnahmesituationen Zutritt zu den Heimen, zum Beispiel, wenn die Grossmutter im Sterben lag. Am 11. Mai hob der Kanton das Besuchsverbot auf und wandelte es in ein «kontrolliertes Besuchsrecht» um. Seither können Pflegeheime wieder Besucher zulassen, mit entsprechenden Schutzkonzepten. Bis dahin litten insbesondere die Heimbewohner unter dem fehlenden Kontakt zu ihren Angehörigen.

Das Besuchsverbot wurde bisweilen als menschenunwürdige Bevormundung kritisiert. Die geistige oder physische Gesundheit der Heimbewohner würde leiden, befürchteten verschiedene Experten. So auch Grossrätin Martina Sigg (FDP). Deshalb stellte der Regierung in einem Vorstoss eine Reihe von Fragen: Welche Folgen hatte das Besuchsverbot für die Bewohnerinnen? Und vor allem: Würde die Regierung, sollten die Fallzahlen wieder stark ansteigen, wieder so entscheiden?

Pflegende haben Schlimmeres verhindert

Nun liegt die Antwort der Regierung vor. Auf viereinhalb Seiten beantwortet sie die Fragen ausführlich. Die Kurzversion: Das Besuchsverbot habe zu schwierigen Situationen geführt. Die Coronalage sei aber genauso schwierig gewesen, man habe die verschiedenen Interessen gegeneinander abgewogen und den Schutz der Heimbewohner höher gewichtet.

Dadurch, dass sich nur etwa ein Prozent aller Heimbewohnerinnen im Aargau mit Corona angesteckt hatten, habe man das Ziel erreichen können. Und weil die Pflegenden einen Sondereffort geleistet hätten, seien die negativen Folgen für die Bewohner nicht ganz so schlimm ausgefallen.

Also würde der Regierungsrat wieder so entscheiden und einen erneuten Lockdown für Spitäler und Heime verfügen? Das dann doch nicht: «Auch bei einem massiven Anstieg der Fallzahlen kann sich der Regierungsrat vorstellen, auf ein grundsätzliches Besuchsverbot zu verzichten und stattdessen von den Institutionen nur die Anwendung eines kontrollierten Besuchsverbots zu fordern.»

Martina Sigg: Regierung auf die Finger schauen

Die Antwort lässt Interpellantin Martina Sigg mit gemischten Gefühlen zurück. Zum einen ist sie froh darüber, dass die Regierung ihre Fragen so ausführlich beantwortet hat. Und insbesondere freut sie, dass die Regierung zumindest signalisiert, bei einem allfälligen nächsten Mal auf ein Verbot zu verzichten.

Gleichzeitig kritisiert sie, dass die Regierung die negativen Folgen für die Heimbewohner nach wie vor verharmlosen würde: «Ich vermisse die Betroffenheit. Ich kenne zahlreiche Menschen, die massiv Probleme hatten und immer noch haben. Das müssen wir jetzt aufarbeiten. So etwas darf nicht wieder passieren.»

Es könne doch nicht sein, dass die Erhaltung der körperlichen Gesundheit so viel höher gewichtet werde als die psychische Gesundheit, das Wohlbefinden und die Lebensqualität, kritisiert Sigg. «Die Würde und die Selbstbestimmung der Menschen dürfen niemals verloren gehen», betont sie.

Martina Sigg hat viele Reaktionen von Betroffenen auf ihre Interpellation erhalten. Das Thema ist für sie noch nicht erledigt. Sie werde es weiterhin auf dem politischen Tapet halten, es sei wichtig, dass die Diskriminierung und Bevormundung einzelner Bevölkerungsgruppen zukünftig vermieden werden, sagt Sigg.

Andre Rotzetter: Kein Grund mehr für ein Besuchsverbot

Etwas wohlwollender nimmt CVP-Grossrat Andre Rotzetter die Antwort der Regierung auf die Fragen zum Besuchsverbot auf. Rotzetter präsidiert beim Verband Aargauer Spitäler, Kliniken und Pflegeinstitutionen (Vaka) die Sparte Pflegeinstitutionen. «Die Ausgangslage ist ganz anders als im März. Wir haben viel gelernt und wissen, dass wir mit dem Virus leben können, selbst im Heim.»

Mit entsprechenden Schutzmassnahmen sollte es in einem ersten Schritt gar nicht erst in die Heime eingeschleppt werden. Und selbst wenn dies passieren sollte, sei man inzwischen in der Lage, Übertragungen auch dann zu stoppen. «Es gibt keinen Grund mehr für ein Besuchsverbot», betont Rotzetter.

Im Aargau kam es innerhalb von Heimen mehrfach zu Ansteckungen. Ende März wurden im Alterszentrum Blumenheim in Zofingen neun Mitarbeiter positiv auf Corona getestet, in der Folge zeigte auch einige Bewohnerinnen Symptome. Seit dem 11. Mai haben sich insgesamt elf weitere Personen in Pflegeheimen angesteckt, sechs davon Ende Juli im Heim für betreutes Wohnen in Mellingen.

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