Ilaria Sieber-Pedrotti (links) und Oriana Kriszten, Violinistinnen des Sinfonieorchester St. Gallen, bei einem Gratiskonzert mit Sicherheitsabstand in der St. Galler Altersresidenz Singenberg. Gian Ehrenzeller / Keystone
Alters- und Pflegeheime,  Erlebtes

Covid-19 hat das Vertrauen in die Alters- und Pflegeheime erschüttert – dies führt zu Unterbelegung

Das Abriegeln von Alters- und Pflegeheimen in der Corona-Krise wirkt nach. Ältere Menschen überlegen sich derzeit zweimal, ob sie in eine solche Institution eintreten wollen. Das spüren die Betreiber.

Die Bilder sind in den Köpfen hängengeblieben: Alters- und Pflegeheime, die von der Öffentlichkeit mittels Absperrband isoliert wurden. Heimbewohner durften über Monate keine Besucher empfangen. Und es gab Fälle, in denen alte Menschen ohne ihre Angehörigen sterben mussten, weil diese nicht zu ihnen gelassen wurden.

Von «Insassen» war in den Medien die Rede oder von «Gefängnissen» – und wenn man Pech hatte, so jedenfalls die weitverbreitete Furcht, würde man sich dort auch noch mit dem Virus anstecken. In der Schweiz wie auch international stammt denn auch rund die Hälfte der Todesfälle aus Alters- und Pflegeheimen. Das hat auch damit zu tun, dass viele Bewohner verfügt hatten, lieber im Heim als im Spital zu sterben.

Es ist klar, dass solche Erfahrungen nicht ohne Auswirkung bleiben. Die TerzStiftung, die sich für die Selbstbestimmung älterer Menschen einsetzt, schreibt, dass viele betagte Personen, die den Umzug ins institutionalisierte Wohnen geplant hätten, diesen Schritt angesichts der Corona-Krise verschoben hätten. Dies führe in den Heimen zu nicht unerheblichen Belegungsproblemen. Das Vertrauen in das Leben im Heim sei erschüttert.

Grosse Löcher in der Rechnung

Der Gründer der TerzStiftung, René Künzli, erklärt im Gespräch, dass ein typisches Heim mit 100 Gästen in 80 Zimmern plötzlich einen Leerstand von 5 Zimmern habe. Das könne rasch ins Geld gehen, werden pro Pflegebett doch etwa 8000 Fr. pro Monat verrechnet. Sollte die Unterbelegung somit länger anhalten, würde dies grosse Löcher in die Rechnungen der Alters- und Pflegeheime reissen. Doch fragen wir bei den Heimbetreibern nach. Der Branchenverband Curaviva hat eine Umfrage unter 400 Institutionen gemacht. Er prognostiziert nun, dass die Belegungsquote 2020 rund 3 Prozentpunkte unter dem Wert des Vorjahres liegen könnte.

Der grösste Betreiber heisst Tertianum und gehört seit kurzem einem Finanzinvestor. Tertianum beschäftigt in der Schweiz 4700 Personen in 80 Betrieben und hat 2019 rund 520 Mio. Fr. umgesetzt. Der Firmenchef Luca Stäger sagt, dass die Auslastung in den Agglomerationen Bern und Zürich um 1 bis 1,5 Prozentpunkte zurückgegangen sei. Das tönt nicht dramatisch, aber allein um die Fixkosten zu decken, braucht ein Heim laut Stäger eine Auslastung von 94 bis 95%.

Zudem seien die Materialkosten bisher um 2 Mio. Fr. gestiegen. Da die Geschäfte in der Nordostschweiz und der Romandie aber gut laufen, schreibt Tertianum weiter schwarze Zahlen. Aber die Einbussen schmerzen den Branchenführer. Umso mehr dürfte es kleineren Anbietern weh tun, die keine Grössenvorteile ausspielen können.

Stäger sieht zwei Ursachen für die geringere Belegung. Zum einen würden Spitäler weniger Fälle zur Pflege überweisen. Durch den Lockdown und die Einengung des Bewegungsspielraums sei es zu weniger fürs Alter typischen Verletzungen gekommen, man denke zum Beispiel an einen Oberschenkelhalsbruch. Zum anderen seien die Menschen skeptischer gegenüber dem Heimaufenthalt geworden. Gemeint ist damit, dass sie in einer zweiten Welle eine neuerliche Isolation fürchten. Wenn man mehrere Monate lang schreckliche Geschichten gehört habe, könne man davon den Kopf nicht einfach frei machen, gibt Stäger zu bedenken.

Renate Monego, Direktorin Pflege- und Alterszentren der Stadt Zürich, hat ähnliche Beobachtungen gemacht wie die private Konkurrenz. Auch ihre Zentren sehen sich mit einer geringeren Nachfrage konfrontiert. Monego ist überzeugt, dass in der Öffentlichkeit ein zu negatives Bild der Alters- und Pflegeheime herrsche, das sich durch die Corona-Krise noch verfestigt habe. Dabei hätten ihr Bewohner gerade in der Krise versichert, sie seien froh, im Alterszentrum in ein Kollektiv eingebunden zu sein. Im Lockdown seien Bewohner und Betreuer näher zusammengerückt; sie erzählt von Beispielen, in denen das Personal Hausmusik gemacht habe, um die Bewohner aufzuheitern.

Isolation macht krank

Die TerzStiftung hat über die Jahre gut 10 000 Bewohner von 87 Alters- und Pflegeheimen zu ihrer Zufriedenheit befragt. Sie bewerten den Kontakt mit den Mitarbeitern sowie die Respektierung ihrer Rechte auf Selbstbestimmung jeweils mit 8,8 von maximal 10 Punkten – ein hoher Wert. Auch 2800 Angehörige waren mit der Unterbringung ihrer Liebsten ähnlich zufrieden. Bei den 7000 befragten Mitarbeitern lag die Zufriedenheit mit der Arbeit dagegen rund einen Punkt niedriger, was aber immer noch passabel scheint.

Die Stiftung will mit solchen Zahlen belegen, dass Pflege- und Altersheime zu Unrecht unter einem schlechten Ruf leiden. Im Lockdown seien viele ältere Menschen zu Hause isoliert gewesen, hätten niemanden gesehen ausser vielleicht zwei Mal am Tag jemanden von der Spitex, führt auch Monego aus. Zudem würden Angehörige ihre Liebsten zuweilen bis zur Erschöpfung pflegen. In diesem Fall könne der Umzug ins Alterszentrum befreiend wirken, weil man Verantwortung abgeben könne. Wenn derzeit also alte Menschen die Heime meiden – so muss man daraus schliessen –, ist dies nicht einfach eine gute Nachricht.

Stäger erwartet, dass man noch Jahre mit dem Coronavirus leben muss. Die zweite Welle werde lange dauern, ohne eigentlichen Peak wie die erste. Mit Fiebermessen, Kontaktdaten-Aufnehmen, Maskenpflicht im Heim und dem Einhalten von Hygienestandards könne man einen guten Schutz gewährleisten, heisst es aus der Branche. Drastische Massnahmen wie zu Beginn der Krise seien eigentlich nur denkbar, wenn die nächste Welle noch schlimmer werde als die erste, mahnt Monego.

Medizinethiker hatten in der «Schweizerischen Ärztezeitung» im Juli auf die schwierigen Abwägungen hingewiesen: Die räumliche und soziale Isolation von Angehörigen führe zu einem raschen kognitiven Abbau und körperlichen Zerfall – nicht selten mit Folgeerkrankungen, die bis zum Tod führen könnten. Über dem Schutz vor Gesundheitsgefährdungen darf man somit den Schutz der Persönlichkeit nicht vernachlässigen. Einen zweiten Lockdown gilt es deshalb nicht nur aus eng wirtschaftlichen Gründen zu verhindern.

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