Anne Battegay (Violine) und François Robin (Violoncello) erfreuen die Bewohnerschaft der Siedlung Riedhof in Höngg mit einem Innenhofkonzert. Christoph Ruckstuhl / NZZ
Alters- und Pflegeheime,  Erlebtes

Konzertieren mit Sicherheitsabstand: Geige und Cello erklingen, und der heimische Balkon wird zur Loge

Hat da jemand gesagt, das Kulturleben verkrieche sich zurzeit im Netz? Da hilft nur eins: Frisch gestrichen! Ein Musikduo spielt in Innenhöfen und Treppenhäusern von Zürcher Wohnsiedlungen auf. Die Kultur, so scheint es, hat sich hier und dort verschreckt ins weltweite Netz zurückgezogen, fast wie ins Schneckenhaus. Doch wer hinhört und -sieht, vernimmt ihre Lebenszeichen auch in diesen seltsamen Wochen mitten im Alltag. Mitglieder des Zürcher Tonhalle-Orchesters etwa halten seit Mitte April Ständchen vor den Fenstern der Zürcher Alterszentren, die Violinistin Debora Vonwiller musiziert in Aussenanlagen von Alterswohnungen.

Den Funken springen lassen

Noch einige Wochen früher lancierten Anne Battegay an der Violine und François Robin am Violoncello ihre Aktion: Seit Mitte März haben sie rund ein Dutzend Zürcher Wohnsiedlungen zum Klingen gebracht. Es begann mit einem Treppenhauskonzert für die Bewohner der Liegenschaft, in der das verlobte Musikerpaar lebt. Dann füllte es unter dem Namen «Fiddlers at home» Gärten und Innenhöfe mit Klängen von Klezmer bis zur Klassik. Dank Propaganda treffen immer wieder Anfragen interessierter Hausgemeinschaften ein. Heute Donnerstagabend etwa werden Geige und Cello im Garten einer Wohnsiedlung in Albisrieden gezupft und gestrichen.

Die Bewohner werden jeweils per Flyer eingeladen, sich das rund halbstündige Konzert draussen anzuhören, auf dem Rasen vielleicht oder auf dem eigenen Balkon, der so zum Logenplatz wird fast wie im Opernhaus. Auf Einhaltung des Distanzgebots wird stets geachtet und hingewiesen, wie Anne Battegay am Telefon erläutert. Auch muss sich das Publikum bei Streichmusik gewiss weit weniger vor Tröpfcheninfektion fürchten als etwa bei geschmetterten Opernarien.

Für seine «Hofmusik» erhält das Duo neben einer allfälligen Kollekte jeweils eine kleine Gage, für die man in dieser Stadt gerade anständig zu zweit auswärts essen kann. Das Geld ist laut Battegay, der zwei Teilzeitpensen auch bei ruhendem Kulturbetrieb ein kleines Einkommen sichern, indes nicht die Triebfeder: Es gehe vor allem um die Freude, die sie bei sich selbst und beim Publikum spüre, sagt die 31-jährige Zürcherin. «Uns hat das ein Ziel gegeben in dieser Zeit und eine Möglichkeit, uns mit Menschen zu verbinden. Und da passiert auch einiges zwischen den Leuten im Publikum.»

Sonst Teil eines Quartetts

Es kann jedoch der Frömmste nicht in Frieden spielen, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt: So könnte man ein Sprichwort variieren aufgrund von Medienberichten, laut denen Musikdarbietungen im Freien hierzulande zurzeit für diverse Nachbarschaftsstreitigkeiten sorgen. Die Fiddlers at home aber kommen ohne Verstärker aus und haben laut Battegay bis anhin nur positive Reaktionen erhalten. Die strenge Regelung der Stadt bezüglich Strassenmusik braucht sie auch nicht zu kümmern, ist doch kein öffentlicher Grund tangiert.

Wie andere Profimusiker fügen sich Anne Battegay und François Robin nun schrittweise wieder in ihre angestammten Formationen ein, im Falle der Violinistin das mehrfach preisgekrönte Zürcher Belenus-Quartett. Es musste alle seit Mitte März geplanten Konzerte absagen und hat nun soeben die Proben wieder aufgenommen.

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