Erlebtes

Es und ich 7

Geschichten mit (hoffentlich noch) vielen Fortsetzungen

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Ich hasse diese Dinger – jeden Tag schlucke ich sie haufenweisen und ich weiss nicht einmal mehr, wofür die alle gut sein sollen: Blutdruck, Herz, Zappelbeine, Depressionen, Verdauung etc. etc. Ich weiss ja, dass sie mir helfen und mir mein Leben erträglicher machen – aber trotzdem…. Tabletten schlucken war noch nie mein Hobby, ich habe mich so lange als möglich dagegen gewehrt, weil ich dachte, dass so viel Chemie bestimmt schadet und ehrlich, ich befürchtete auch, dass sie mich in irgendeiner Weise abhängig machen! Und so bin ich halt immer ziemlich locker mit der Medikation umgegangen, mal hatte ich Lust sie zu nehmen, meistens aber eher nicht so ;-(

Nun – seit meiner Zeit im Altersheim ist fertig lustig mit dieser „Methode“: jeden Morgen liegt neben meinem Frühstücksgedeck ein Cocktail aus acht Tabletten, die ich nehmen muss und es wird genau darauf geachtet, dass ich sie nicht einfach in meinem Täschli verschwinden lasse! Am Mittag gibt’s dann zum Glück nur eine einzige und abends nochmals fünf. Bei meinem letzten Besuch bei der Frau Doktor wollte ich es wieder mal wissen und wir haben die ganze Medikamentenliste „durchgearbeitet“ und siehe da – einige Tabletten konnten wirklich weggelassen werden. „Das ist jetzt aber das absolute Minimum“, meinte sie, „um dir ein einigermassen schmerzfreies und angenehmes Leben zu garantieren“. Na gut, ich muss ihr ja wohl glauben, schliesslich ist sie die Fachfrau!

Meine Kinder sehen das auch so und lachen mich aus, wenn ich sage, ich möchte nicht tablettensüchtig werden: Aber Mami, in deinem Alter kannst du doch gar nicht mehr süchtig werden, es geht doch einfach darum, deine Lebensqualität so lange wie möglich zu erhalten und ich solle schön vernünftig sein. Irgendwie kommt mir das bekannt vor, nur – früher war es umgekehrt, ich sagte ihnen, was sie zu tun und zu lassen hätten. So ändern sich die Zeiten!

Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen, dass es mir wirklich gut geht: ich schlafe gut, ich esse gut, ich bin nicht mehr so traurig, ich habe keine Zappelbeine mehr, mein Blutdruck ist zwar relativ hoch, aber wenigstens immer gleich – was will man mehr, in meinem Alter! Verglichen mit meinen Mitinsassen – Entschuldigung – Mitbewohnern geht es mir sogar sehr gut, obschon ich die Zweitälteste bin! Was mich aber nicht abhalten wird, beim nächsten Arztbesuch meine ominöse Liste wieder hervor zu nehmen und ganz unschuldig zu fragen: wofür ist jetzt eigentlich diese kleine rosa Tablette?

© Therese Graf, Erlenbach

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