Erlebtes

Es und ich 5

Geschichten mit (hoffentlich noch) vielen Fortsetzungen

Folge 1
Folge 2
Folge 3
Folge 4

Nun sind diese Festtage schon wieder vorbei und ich sitze zusammen mit meinem Schnupfen und mir wieder alleine im Zimmer. Es war schön, aber auch anstrengend. Meine inzwischen recht grosse Familie hat mich bei sich aufgenommen und ich habe das erste Mal seit langem wieder mal „auswärts“ übernachtet. Da musste ich aber meinen Kopf anstrengen, damit auch alles mitkam, was mitkommen musste: meine Geschenke für Kinder, Enkel und Urenkel, meine Medikamente, Kleider zum Wechseln, Toilettenartikel – hei, war das eine Übung fürs Hirn!

Doch ich habs gut überstanden, alle waren geduldig mit mir und ich hab mich sehr gefreut, auch wenn ich nachher völlig ausgepumpt war und trotz grosser Müdigkeit keinen Schlaf finden konnte! Wahrscheinlich war es das letzte Mal, dass ich so mit allen feiern konnte – aber ehrlich gesagt, habe ich das vor zehn Jahren schon gedacht und jetzt bin ich immer noch da….

Ich spüre die vielen Jahre immer deutlicher in meinen Knochen und das gibt mir schon zu denken. Was da wohl noch alles kommen wird – zum Glück weiss man das nicht im Voraus! Am meinem Tisch ist eine liebe Freundin noch vor Weihnachten gestorben und kurz darauf auch noch Hans, den ich sehr bewundert habe. Das war traurig und ich frage mich dann oft, ob ich vielleicht die nächste bin, die gehen wird? Aber ich will nicht jammern, das kommt gar nicht gut an und es gibt ja auch noch einige, denen es viel schlechter geht als mir. Es gibt allerdings auch diejenigen, denen es viel besser geht, die aber trotzdem die ganze Zeit klagen und das nervt mich ab und zu schon ziemlich. Ich sage es dann auch deutlich, dass sie doch zufrieden sein und sich am Schönen und Kleinen freuen sollen, aber das will dann niemand so recht hören! Überhaupt muss ich ein bisschen aufpassen, was ich sage, sonst werde ich noch als Moralistin empfunden und das wäre mir dann nicht recht. Wir brauchen ja einander und sollen uns ja auch unterstützen, so gut es geht. Aber manchmal ist der Mund halt schneller als das Hirn – das war bei mir schon immer so und hat Vor- und Nachteile. Na ja, ich versuchs dann beim nächsten Mal!

Der erste Schnee ist gekommen und ich würde gerne etwas spazieren gehen, aber ich trau mich nicht recht rauszugehen, ich bin ziemlich unsicher auf den Beinen und die Pflegerinnen warnen uns immer, wie sollen ja nichts riskieren, sonst landen wir noch mit diesem ominösen Oberschenkelhalsbruch im Spital und das wäre dann definitiv das Ende! Also bleibe ich lieber im warmen Zimmer und schaue auf die tief verschneite Bergwelt und geniesse es halt so gut es geht! Ich träume von früher, als ich noch in die Winterferien reiste und im wunderschönen Engadin bei eisigen Temperaturen und meterhohem Schnee einige Tage mit Langlaufen und Wandern verbringen konnte – das waren noch Zeiten… Aber man soll ja nicht immer von früher reden, das ist auch nicht so beliebt. Aber meine Welt wird halt immer kleiner und der Horizont auch nicht weiter und darum mache ich es halt dann doch: in alten Erinnerungen schwelgen und erzählen, wies damals so war und dass es eben doch – wenigstens ein bisschen – besser war als heute!

© Therese Graf, Erlenbach

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