Erlebtes

Es und ich 2

Geschichten mit (hoffentlich noch) vielen Fortsetzungen

Folge 1

Ganz langsam gewöhnten wir uns aneinander – es und ich. Um ehrlich zu sein, gefiel es mir manchmal sogar: ich habe noch nie in meinem Leben so oft meinen Namen gehört – Frau Graf hier, Frau Graf dort… Was möchten Sie zum Nachtessen? Kommen Sie mit auf unsern Ausflug morgen? Hätten Sie gerne Kaffee oder Tee? Haben Sie Lust, mit uns zu singen? Und so weiter und so fort…

Die Pflegerinnen waren (fast) alle sehr nett und aufmerksam. Und die Insassen – Verzeihung, die Bewohner natürlich auch. Mit den Meisten war ich innert kurzer Zeit per Du (den Vornamen kann ich mir einfach besser merken) und von einigen wurde ich auch mal in ihr Zimmer eingeladen, um es zu bewundern oder einfach so zum Kaffee. Wir erzählten uns von unsern meistens schon verstorbenen Ehemännern und unser Kindern, Gross- und Urgrosskindern und jede hatte irgendeine mehr oder weniger spannende Geschichte auf Lager, aber das war ok so.

Die Zeit verging wie im Flug und ich musste überhaupt nichts tun ausser mich verwöhnen zu lassen und meine Termine nicht zu vergessen. Ah ja, und meine Tabletten regelmässig einnehmen. Damit hatte ich etwas Mühe, irgendwie ging da immer wieder mal eine „verloren“ oder verschwand in meinem Täschli, weiss auch nicht, wie die da rein kam. Wenn ich es mir so genau überlege, hatte ich es eigentlich noch nie so unbeschwert wie jetzt. Ich hatte mich jetzt auch mit meinem neuen Fahrzeug angefreundet – es heisst Rollator und begleitet mich überall hin, ich kann sogar damit ins Dorf rollen und wenn ich mal nicht mehr mag, kann ich einfach drauf sitzen und mich ausruhen. Also wer dieses Gefährt erfunden hat, dem gehört der Seelenfriedensnobelpreis. Ich muss bei Gelegenheit mal fragen, ob jemand aus meiner Familie auf ihrem Compjuter nachschauen kann, wer das war!

Nach einigen Monaten durfte ich endlich mein Gastzimmer verlassen und bekam ein hübsches kleines Zimmer mit Balkon und Aussicht – war das herrlich. Meine Tochter musste zwar zuerst ausrechnen, ob das finanziell drin liegt aber sie fand, das könne man riskieren, ohne dass ich mein ganzes Erspartes drauf legen musste, schliesslich muss ich ja nicht mehr für die nächsten zwanzig Jahre sparen und planen – wahrscheinlich.

Ich bekomme sehr viel Besuch und das freut mich – meistens. Alle wollen mein neues Zimmer sehen und finden, dass ich einen guten Tausch gemacht habe. Manchmal bin ich aber auch froh, mal ein bisschen für mich zu sein. Ich kann meine Schränke wieder umräumen, meine Fotos zum x-ten Mal sortieren, einen Knopf annähen oder meine Zeitschriften lesen oder einfach nur so hier sitzen und mein Leben Revue passieren lassen: Was hätte ich besser machen können oder einfach anders, war ich glücklich, bin ich es jetzt, was passiert, wenn ich sterbe und noch vieles mehr.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mich in einem Altersheim wohlfühlen kann, aber jetzt ist es so und es ist erst noch gut so! Es sind da schon noch ein paar Sachen, die nicht so gut sind – was war das schon wieder?

© Therese Graf, Erlenbach

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