Erlebtes

Es und ich

Geschichten mit (hoffentlich noch) vielen Fortsetzungen

Einfach war es nicht. Es war auch nicht ganz freiwillig – aber irgendwie doch! Ich musste mich entscheiden: entweder gehe ich jetzt nach meinem Spitalaufenthalt wieder in meine Wohnung und wurstle mich dort mehr schlecht als recht durch den Alltag oder ich gehe. Nach fast 90 Jahren Selbstbestimmung – mehr oder weniger – tat ich diesen Schritt mit vielen und sehr gemischten Gefühlen.

Ich hatte schon immer mit dem „Alpenblick“ geliebäugelt, doch nur wenn es denn unbedingt sein musste. Keine Liebe auf den ersten Blick, höchstens auf den fünften… „Es“ ist ein Alters- und Pflegeheim an meinem Wohnort. Nein, Entschuldigung, ein Alterszentrum nennt sich das ja heute, dabei wäre ein „Heim“ eigentlich schöner als ein „Zentrum“, aber lassen wir das.

Der Tag meines Umzugs war chaotisch. Alles musste schnell gehen, und dabei kann ich doch gar nicht mehr schnell gehen! Schnell das Nötigste packen – schnell meinen Leuten Bescheid geben – schnell meine alte Adresse vergessen und die neue merken – schnell am neuen Ort meine wenigen Sachen einräumen und dann auch noch schnell zum Essen gehen. Am Abend war ich völlig auf dem „Hund“ und das mit dem schnell einschlafen wurde dann nichts. Was einem so alles durch den Kopf geht nach so einem entscheidenden Entscheid, das war einfach zu viel und dann war das Zimmer, das ich schnell bekam natürlich auf nicht das schönste und beste, sondern einfach mal ein Zimmer.

Am nächsten Tag wurde mir so richtig bewusst, was es heisst, fremdbestimmt zu sein: um 7 Uhr kam die Pflegerin, um mir die Medikamente zu verabreichen, dabei war ich doch jetzt endlich so richtig eingeschlafen. Zwischen 8 und 9 Uhr gabs Frühstück – immerhin hatte ich hier ein bisschen Selbstbestimmung. Nachher konnte ich entweder zum Turnen oder zum Basteln und im 11.30 Uhr gabs schon wieder Mittagessen. Am Nachmittag hatte ich frei und konnte endlich mein Zimmer etwas einräumen, dabei fiel mir auf, dass alle wichtigen Sachen noch in meiner alten Wohnung lagen. Meine Lieben sagten mir, ich solle es nur ruhig angehen, die Wohnung werde erst Ende Monat geräumt und bis dahin hätte ich noch genügend Zeit zum Räumen. Heute war ja erst der 25. – witzig, witzig.

Beim Nachtessen um 17.30 Uhr hatte ich eigentlich keinen Hunger, aber ich wurde höflich und bestimmt an meinen Tisch geleitet, wo schon alles bereit war und auch meine Tischnachbarn schon ungeduldig auf mich warteten. Was bleibt einem da schon anderes übrig als mitzumachen, man ist ja schliesslich gut erzogen.

Es – das Altersheim und ich werden noch eine Weile brauchen, um uns aneinander zu gewöhnen, aber – um es mit den Worten von Angela Merkel zu sagen – wir schaffen das!

© Therese Graf, Erlenbach

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